Community Health Care: Zielgerichtete Versorgung in der Lebenswelt der Patient*innen

Hanna Müller arbeitet im PORT Gesundheitszentrum auf dem Bosch Health Campus in Stuttgart als Community Health Nurse (CHN) und wird zukünftig auch als Dozentin in der entsprechenden Studienrichtung des Masterstudiengangs Advanced Practice in Healthcare tätig sein. Im Interview erzählt sie, warum sie sich so für diese Tätigkeit begeistert und welche wichtige Rolle die CHNs in der ambulanten Gesundheitsversorgung spielen.

Frau Müller, welche Aufgaben hat eine Community Health Nurse?

Das zentrale Aufgabenfeld ist die Versorgung von Menschen in allen Altersgruppen und nicht nur Menschen, die krank sind. Wir kümmern uns auch um diejenigen, von denen wir gar nicht wollen, dass sie krank werden. Die Einsatzorte von CHNs sind ganz unterschiedlich, daher unterscheidet sich der Schwerpunkt innerhalb dieser Rolle total. Ich sehe uns als Bindeglied zwischen medizinischer und pflegerischer Versorgung sowie sozialer Unterstützung. Wir sind in allen Bereichen involviert. Das macht es mega spannend, weil man da überall mitwirken kann.

Wie sieht der Tätigkeitsbereich einer Community Health Nurse aus?

Wir gehen zu den Menschen nach Hause, in deren Lebenswelt, und schauen uns an, was es in diesem Setting braucht, damit sie entweder mit ihrer Krankheit besser umgehen oder noch lange gesund bleiben können. Wir haben einen sehr großen Anteil an beratender Tätigkeit und sind Ansprechpartner*innen für alle möglichen Themen, die da so aufkommen. Wir unterstützen bei der Versorgung, wenn die Menschen beispielsweise sagen: Ich nehme jeden Tag zehn Tabletten und weiß gar nicht, wofür. Dann nehmen wir uns die Zeit, das mit ihnen durchzugehen. 

Außerdem machen wir viel Netzwerkarbeit in dem Stadtteil, in dem wir tätig sind. Wir arbeiten mit anderen Dienstleistern und Praxen innerhalb der Gesundheitsversorgung und in der Sozialen Arbeit zusammen. Denn wir sind darauf angewiesen, Menschen an die richtigen Stellen weiterverweisen zu können. Manchmal gibt es da großen Unterstützungsbedarf, den jemand anderes ganz toll abdecken kann. Das zu koordinieren, gehört auch zu unseren Aufgaben. Ganz oft wissen die Menschen gar nicht, was es an Angeboten gibt und was ihnen vielleicht auch zusteht.

Ergänzend macht Prävention einen großen Teil unserer Arbeit aus. Wir führen Kurse selbst durch oder organisieren diese beispielsweise gemeinsam mit einem Physiotherapeuten oder mit der Alzheimer-Gesellschaft, wenn wir einen Bedarf dafür wahrnehmen. Und wenn wir bei uns in der Beratung jemanden haben, für den Ernährung ein großes Thema ist, leiten wir entsprechend weiter.

Wie kommen CHNs mit Patient*innen in Kontakt?

Ich arbeite im PORT Gesundheitszentrum auf dem Bosch Health Campus in Stuttgart. Dort läuft es in der Regel so ab, dass die Hausärztin ihre Patient*innen an uns weiterverweist. Das ist dann der Fall, wenn sie Bedarfe erkennt, welche die hausärztliche Versorgung übersteigen. Das schafft direkt eine Verbindlichkeit, die uns nützt. Denn das Berufsbild ist noch nicht so bekannt. Daher wissen die Menschen oft gar nicht, welche Unterstützung wir ihnen bieten können. 

Viel läuft auch über Netzwerkarbeit. Wir arbeiten etwa mit dem sozialpsychiatrischen Dienst zusammen oder mit der Alzheimer-Gesellschaft. Wenn die Kollegen dort merken, dass ein Patient Bedarfe hat, die über deren Fachbereich hinausgehen, bekommen wir einen Anruf. 

Unsere Aufgabe ist es auch, unser Angebot in der jeweiligen Community bekannt zu machen. Wir stellen uns persönlich vor, legen Flyer aus, etwa in der Apotheke vor Ort. Denn die Patienten kommen nicht von selbst zu uns. Wir sind darauf angewiesen, dass sie an uns weitergeleitet werden.

Wie gestalten CHNs die Angebote, die sie den Patienten machen?

Auch in der Ausgestaltung unserer Präventionsangebote gibt es eine Freiheit, die man sonst so aus der Pflege nicht kennt, dass man einfach ein Spielfeld hat, das man nach Bedarf bespielen kann. Wir versuchen, ein Gefühl für den Stadtteil zu bekommen, suchen uns dann Netzwerkpartner und machen ein zielgruppenspezifisches Angebot wie etwa einen Infoabend zur Sturzprävention, gemeinsam mit einem Physiotherapeuten.

Wie werden diese Stellen finanziert?

Im PORT Gesundheitszentrum Bosch Health Campus, bei dem ich tätig bin, haben wir eine Drittmittelfinanzierung durch das Robert Bosch Centrum für Innovationen im Gesundheitswesen. Die meisten Stellen werden von Stiftungen, Vereinen, Innovationsfonds, im Rahmen von Projekten oder über Ausschreibungen von Sozialämtern finanziert. Es gibt aber auch Community Health Nurses, bei denen die Kommune einen Teil des Gehalts zahlt. Schließlich ist es für den Stadtteil extrem relevant, wie gesund die Menschen sind, die dort leben, und welche Dienstleister sich vor Ort um die Gesundheitsversorgung kümmern.

Die Art der Finanzierung bringt auch Vorteile mit sich. Weil wir nicht in die starre Struktur des staatlichen Gesundheitswesens eingebunden sind, haben wir die große Freiheit, selbst zu entscheiden, wie lange und wie häufig wir Patienten sehen. Wir haben nicht nur zehn Minuten Zeit, sondern auch mal eine Stunde. Das ist total schön, für uns und für die Menschen! Die sind es gar nicht gewohnt, dass sich jemand mit ihnen hinsetzt und einen gemeinsamen Plan ausarbeitet. Das ist ein ganz anderes Arbeiten als im Krankenhaus, weil wir die Möglichkeit haben, die Leute auf eine ganz andere Art und vor allem langfristig zu begleiten – das gibt mir dann auch total viel zurück.

Wie wird man Community Health Nurse?

Community Health Nurses sind auf Masterniveau qualifizierte Pflegekräfte. Es ist wichtig, dass sie bereits Berufserfahrung mitbringen. Denn sie können nur gut beraten, wenn sie auch inhaltlich fit sind. Da sich dieser Bereich gerade erst entwickelt, gibt es noch nicht diese ganzen Standards wie etwa in der Klinik. Daher braucht es auch jemanden, der bereit ist, selbst Informationen einzuholen. Und das ist auch eine Herausforderung, auf die das Studium einen gut vorbereitet. Wenn ich etwas nicht weiß, dann weiß ich zumindest, wo ich die Info herbekommen kann. Es ist ein Job, der sich so beschreiben lässt: Hands on. Und das war auch für mich der Grund, warum ich mich dafür entschieden habe, weil ich eben nicht weg vom Patienten wollte.

Warum braucht es eine zunehmende Akademisierung der Pflegeberufe?

Die Patienten, deren Bedarfe, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten werden immer komplexer. Deswegen muss unsere Ausbildung da irgendwie mitgehen. Wir sind als Pflege die größte Berufsgruppe und wir müssen wissenschaftlich fundierte Entscheidungen treffen – nicht nur in der Forschung, sondern eben auch am Menschen.

Es ist sehr wichtig, dass sich die Qualifikation, die wir haben, auch direkt auf die Patientenversorgung auswirkt. Dass eben nicht alle Pflegekräfte mit Masterabschluss in die Forschung gehen, sondern auch in der Versorgung bleiben. Im Endeffekt sollen unsere Patienten davon profitieren, was wir wissen und können.

Das Problem ist, dass die meisten akademisierten Pflegekräfte im Krankenhaus arbeiten. Dabei brauchen wir diese Qualifikationen auch im ambulanten Setting. Schaut man sich die Gesundheitsreform an und die Kosten, die eine Versorgung im Krankenhaus mit sich bringt, wird klar: Wir wollen es den Menschen ermöglichen, so lange wie möglich daheim zu bleiben.

Was bringt ein zielgerichteter Studiengang zur Ausbildung von Community Health Nurses?

Was den Master spannend macht, ist die Kombination von einer vertieften Pflegepraxis mit Inhalten zu Gesundheitsförderung und Prävention. Wir schauen uns also Phänomene, Erkrankungen und Therapien direkt im ambulanten Setting, in der Patientenversorgung, an und überlegen dann: Wie werden Menschen krank und was hält sie gesund? Was kann die Kommune tun und wie wirkt sich das auf die Stadtentwicklung aus? Es wird einfach mal größer gedacht, nicht nur mit Fokus auf das Individuum und seine Erkrankung. Wir überlegen gemeinsam, welche Angebote es an einem Ort braucht, damit die Leute dort gesund bleiben.

Das finde ich ganz, ganz spannend. Dabei geht’s auch viel ums praktische Doing: Wir sind ja oft alleine bei den Patienten daheim. Da gibt’s dann keine Kollegin und kein Ärzteteam, die man dazuholen kann. Deshalb beschäftigen wir uns auch viel mit Diagnostik in der ambulanten Versorgung: Was schaue ich mir an, wenn ich zu einem Patienten nach Hause komme? Auch die Grundsätze der interprofessionellen Zusammenarbeit, die ja im ambulanten Setting ganz anders aussieht als im Krankenhaus, sind eine extrem wichtige Grundlage für die Arbeit.

Wie können CHNs die flächendeckende Gesundheitsversorgung verbessern?

Community Health Nurses schließen Lücken in der Versorgung. Oft hapert es ja auch daran, dass die Informationen nicht richtig weitergegeben werden. Die Menschen wissen nicht, an wen sie sich wenden können oder welche Angebote es für sie gibt. CHNs übernehmen da oft die Koordination und stellen Verbindungen her.

Außerdem tragen sie dazu bei, die Gesundheitskompetenz von Einzelpersonen zu verbessern, indem sie ihnen Wissen an die Hand geben und ihnen aufzeigen, wo sie sich Hilfe holen können. So tragen sie indirekt auch zur Entlastung der Krankenhäuser bei. Denn wenn Menschen mit chronischen Erkrankungen ihre Symptomatik besser verstehen, managen können und ihre Ansprechpartner kennen, landen sie seltener in der Notaufnahme.

Wie schätzen Sie die Zukunftsperspektiven für Community Health Nurses ein?

Ich glaube schon, dass es gerade immer mehr wird und die Chancen mit der Zeit größer werden. In der Fachgruppe gibt es unter allen, die da gerade schon arbeiten, ganz viel Unterstützung und Rückenwind. In vielen Ländern im Ausland ist das Berufsbild schon erfolgreich etabliert. Und wenn man sich anguckt, wie sich die Gesundheitsversorgung entwickelt, kann Deutschland eigentlich gar nicht sagen, dass man das nicht macht – weil das total Sinn ergibt.

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