„Ich wollte lange keinen Master machen“

Zehn Jahre Praxis, einen Streetwork-Standort von null aufgebaut, ein eigenes Unternehmen gegründet – einen Master hatte Lukas dabei lange nicht auf dem Plan. Heute studiert er Transkulturelle Traumapädagogik am DHBW CAS, forscht zum Drehtüreffekt in der Jugendhilfe und entwickelt mit Partnern in Burundi ein Ausbildungsprogramm für Suchttherapeuten. Ein Gespräch über späte Entscheidungen, wissenschaftliche Rückendeckung und die Rolle des Bremsers.

Der Weg ins Studium

Lukas, wer bist du und was hast du vor dem Master gemacht?

Ich bin 35, Pädagoge und habe nach meinem Bachelor zehn Jahre lang in der Praxis gearbeitet, in ganz verschiedenen Feldern. Sieben Jahre davon habe ich einen Standort der Mobilen Jugendarbeit geleitet, den ich von null aufgebaut habe. Inzwischen habe ich mein eigenes Unternehmen.

Wie bist du zum Master gekommen?

Ehrlich gesagt wollte ich lange keinen Master machen. Man verdient danach nicht unbedingt mehr, und vor allem hatte ich keine Zeit: Meine Kinder waren klein, ich habe Vollzeit gearbeitet – nebenher zu studieren, war damals undenkbar. Inzwischen sind die Kinder älter, und auch privat hat sich einiges verändert. Über einen Kontakt zum Institut habe ich dann vom Studiengang erfahren. Professor Kizilhan kannte ich natürlich, er ist in der Öffentlichkeit sehr präsent. Letztes Jahr habe ich gesagt: Das ist eine spannende Kombination, lass es mal probieren.

Warum gerade die DHBW?

Ich hatte vorher schon einige Weiterbildungen gemacht, die waren immer online und international, zum Beispiel ein Programm aus Kanada. Inhaltlich war das genial, aber ich war der Einzige aus Deutschland. Mich vor Ort zu vernetzen, war so nie möglich. Der Master an der DHBW findet in Stuttgart statt, also für mich wirklich nah. Ich lerne lokale Akteure kennen und kann mir ein eigenes Netzwerk aufbauen. Gerade in einem Feld wie der transkulturellen Traumapädagogik, das noch nicht sehr verbreitet ist, ist das enorm viel wert.

Was das Studium bringt

Du studierst jetzt seit rund einem Jahr. Was hat dich überrascht?

Wie viel Spaß mir das wissenschaftliche Arbeiten macht. In meinem Bachelor war Forschung völlig abgekoppelt von der Praxis, damit konnte ich nichts anfangen. Mir fehlte damals auch die Spezialisierung, die ich heute durch meine Berufserfahrung habe. Jetzt kann ich mich mit eigenen Fragen und Projekten einbringen. Das fasziniert mich.

Was nimmst du konkret für deine Praxis mit?

In der Mobilen Jugendarbeit haben wir manche Dinge intuitiv gemacht, für die wir uns rechtfertigen und manchmal regelrecht kämpfen mussten. Wir waren oft unsicher, ob wir richtigliegen, weil unser Vorgesetzter es anders gesehen hat. Jetzt höre ich von Dozierenden oder lese im Lehrbuch von Professor Kizilhan eins zu eins genau das, wofür wir uns damals eingesetzt haben. Das pusht mich total. Hätte ich das damals schon schwarz auf weiß gehabt, empirisch belegt von einem anerkannten Experten, wäre die Diskussion schnell beendet gewesen. Heute frage ich mich ganz bewusst: Wie kann ich meine Arbeit belegen?

Gab es bisher einen Moment, der besonders hängen geblieben ist?

Meine Forschungsarbeit im vergangenen Jahr. Das war das erste Mal, dass ich empirisch geforscht habe. Es ging um den sogenannten Drehtüreffekt: Jugendliche fliegen immer wieder aus einer Einrichtung raus und landen in der nächsten – Klinik, Pflegefamilie, Straße, im schlimmsten Fall Gefängnis. Ich habe untersucht, was Institutionen strukturell brauchen, um diese jungen Menschen besser halten zu können. Dafür habe ich hochkarätige Fachleute interviewt, und die Gespräche haben mich umgehauen.

Ich will das nicht romantisieren: Es war brutal hart. Aber am Ende trage ich ein Stück zum Forschungsstand bei. Die Arbeit ist inzwischen bei einer Fachzeitschrift eingereicht.

Der Schritt in die Selbstständigkeit

Neben dem Studium hast du dein eigenes Unternehmen Yusra gegründet. Wie kam es dazu?

Der Aufbau des Streetwork-Standorts war eigentlich schon meine erste Gründung, auch wenn sie nicht so hieß. Ich musste ein Team finden, ein Konzept entwickeln und uns in der Stadt bekannt machen. Wir standen zweimal pro Woche abends mit unserem Bus am Bahnhof, bis jeder wusste, wer wir sind und warum wir da sind. Da habe ich gemerkt: Ich kann das, und es macht mir Spaß. Nach sechs Jahren war der Standort aufgebaut. Ich wollte mich weiterentwickeln, neue Leute kennenlernen und nicht mehr nur in einer Stadt arbeiten. Also bin ich gegangen.

Was bietet dein Unternehmen an – und warum hast du gerade jetzt gegründet?

Die Soziale Arbeit steckt mitten in einem großen Umbruch. Gerade deshalb halte ich es für die richtige Zeit, neue Strukturen aufzubauen – auch wenn es Ausdauer braucht. Es ist nicht leicht, als neuer Anbieter Fuß zu fassen. Aktuell setzen wir Projekte um – zum Beispiel das in Burundi – und bieten Workshops und Qualifizierungen an, vor allem zu Sucht und traumasensiblem Arbeiten. Langfristig wollen wir psychosoziale Versorgung für Kinder, Jugendliche und ihre Familien anbieten. Dafür nutze ich vieles direkt aus dem Studium: Die Angebote sollen fachlich sauber sein und auf dem aktuellen Forschungsstand beruhen.

Von Stuttgart nach Burundi

Du arbeitest gerade an einem Projekt in Burundi. Worum geht es?

Baden-Württemberg und Burundi verbindet seit vielen Jahren eine Partnerschaft. Im Rahmen eines Tandemprogramms arbeite ich mit meinem Unternehmen mit Partnern aus Burundi zusammen, unter anderem mit Richard, der in Bujumbura ein Zentrum für Suchthilfe gegründet hat. Er hat sich dafür eingesetzt, dass in seinem Land überhaupt eine Versorgung entsteht – vorher gab es kaum etwas.

Professor Kizilhan betreibt seit vielen Jahren Kliniken im Irak und bildet dort Psychotherapeutinnen und -therapeuten aus, seit Kurzem auch für Sucht. Das Curriculum, das sein Team dafür entwickelt hat, passen wir jetzt gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen in Burundi an. Daraus entsteht ein Manual, mit dem dort Fachkräfte ausgebildet werden – und das auch andere Zentren nutzen können. Das Projekt läuft seit Juli und noch bis Ende 2027.

Was muss man für Burundi anpassen?

Sehr viel, das ist nicht nur eine Übersetzung. Strukturell gibt es für Betroffene nur wenige Versorgungsangebote. Kulturell läuft vieles über Familien- und Stammeszusammenhänge: Die Ältesten müssen mit ins Boot und grünes Licht geben, genauso das Gesundheitsministerium. Inhaltlich spielen zum Beispiel Vorstellungen von Besessenheit oder Flüchen eine Rolle. Sucht ist stark stigmatisiert, Betroffene werden für ihr Verhalten sehr beschämt. Wir schauen uns systematisch an, wo das Konzept auf den lokalen Kontext angepasst werden muss.

Welche Rolle spielt das Studium dabei?

Eine große. Ohne die Anbindung an das Institut und die Arbeit von Professor Kizilhan wäre ich vielleicht gar nicht in das Projekt gekommen – und ich könnte es fachlich auch nicht auf diesem Niveau umsetzen. Das Institut hat viele internationale Projekte mit Partnern und Universitäten weltweit. Für mich ist das eine schöne Möglichkeit, über den Tellerrand zu blicken und auf globaler Ebene tätig zu werden. Den Projektbericht kann ich außerdem für mein Studium nutzen.

Wie erlebst du die Zusammenarbeit?

Die Partner in Burundi sind Feuer und Flamme, sie wollen wirklich etwas bewegen. Das ist eine ganz andere Dynamik als in vielen Projekten hier. Und mit wenig Geld kommt man dort sehr weit. Lustigerweise bin ich im Projekt eher der Bremser, der sagt: Leute, macht mal halblang, lasst uns erst prüfen und auf Sicherheit gehen. In Deutschland ist das eigentlich die Rolle der Behörden, mit denen ich sonst verhandle. Das ist schon ein kleiner Rollentausch.

Antrieb und Ausblick

Was treibt dich an?

Ich habe Drive. Und mich erfüllt es sehr, Räume zu gestalten, in denen Menschen zusammenkommen und sich weiterentwickeln können. Das finde ich auch das Schöne an der Lehre und am Studium: Man bringt sich gegenseitig auf neue Gedanken. Ich verbinde gern Menschen aus verschiedenen Welten. Ich war nie so lange in einem System, dass ich betriebsblind geworden wäre – das hilft, über Grenzen hinweg zu denken.

Ab Dezember startest du parallel zum Studium eine neue Stelle. Was erwartet dich dort?

Ich arbeite dann als klinischer Sozialarbeiter in einer Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Stuttgart. Schwerpunkte dort sind Autismus und Intelligenzminderung. Thematisch ist das ganz nah an dem, was ich ohnehin mache, und ich freue mich sehr darauf, weil ich bestimmt noch viel dazulernen kann. Das klinische System ist mir nicht fremd, aber ich habe noch nie darin gearbeitet.

Der Sozialdienst übersetzt zwischen Familie, Schule, Jugendamt und Ärzten – und ich kann dort viel gestalten. Vieles, was ich im Studium lerne, kann ich direkt einbringen.

Job, Studium, Unternehmen, Familie – bleibt da noch Zeit für Hobbys?

Hobbys? Was ist das? Ganz ehrlich: Mein Hobby ist gerade das Studium. Nach zehn Jahren ohne formale Weiterbildung ist das für mich etwas Besonderes.

Und wie geht es nach dem Master weiter?

Langfristig kann ich mir eine Promotion vorstellen. In unserem Feld fällen wir ständig weitreichende Urteile: Ist jemand verantwortlich für sein Handeln? Muss er eine Einrichtung verlassen? Solche Entscheidungen fallen noch oft aus dem Bauch heraus. Ich möchte dazu beitragen, dass sie analytisch und nachvollziehbar getroffen werden – schließlich geht es dabei oft um Lebenswege, manchmal sogar um Leben.

Aber erst mal schließe ich den Master ab. Das ist noch ein langer Weg, und was danach kommt, sehen wir dann.

Mehr Informationen zum Studiengang: Transkulturelle Traumapädagogik