„Neue Perspektiven, die ich mit nach Hause nehme“

Viola Rudolf arbeitet selbstständig als gesetzliche Betreuerin und macht berufsintegrierend den Master Digitalisierung in der Sozialen Arbeit. Eingestiegen ist sie über das Zertifikatsprogramm, jetzt schreibt sie ihre Masterarbeit. Im Interview erzählt sie, was ihr Präsenz und Online-Lehre gebracht haben. Inzwischen wird der Studiengang hybrid angeboten: Studierende wählen selbst, ob sie vor Ort in Heilbronn oder online teilnehmen.

Ein Highlight aus dem Studium

Viola, gibt es eine Lehrveranstaltung, an die du dich besonders erinnerst?

Ja, “Digitalisierung von Prozessen und digitale Geschäftsmodelle” bei Professor Dr. Matthias Rehme, der auch an der DHBW Stuttgart als Studiengangsleiter für BWL-Digital Business Management im Bachelor tätig ist. Dafür mussten wir ein digitales Geschäftsmodell entwerfen. Er hat seine Vorlesung so schlau aufgebaut, dass wir am Ende angefangen haben, bei unserem Ziel, und dann, ohne es zu merken, den Weg zurückgegangen sind, ganz an den Anfang. Es war anstrengend, aber wir haben überhaupt nicht gemerkt, wie die Zeit vergeht. Wir waren so drin im Flow und haben das zusammen erarbeitet. Das war wirklich ein Meisterkurs, und daran erinnere ich mich sehr gern zurück.

Woran habt ihr gearbeitet?

Wir haben an einem Tool gearbeitet, das hieß Treasure of Memory. Menschen können sich damit digital, wie ein Tagebuch, einen Erinnerungsschatz aufbauen für eine Zeit, in der sie vielleicht dement werden oder nicht mehr viele Angehörige haben. So kann Biografiearbeit gelebt werden.

Ich habe das mit einer Kommilitonin aus dem Master Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft gemacht, die das Modul als Wahlmodul hatte. Total spannend, Eindrücke aus einem ganz anderen Feld zu bekommen: Arbeit mit älter werdenden Migrantinnen. Ich arbeite auch mit Menschen mit Alzheimer oder Demenz wie meine Kommilitonin, deswegen konnten wir uns da richtig frei ausleben.

Wir haben uns aus ganz unterschiedlichen Perspektiven damit beschäftigt: Wie lässt sich das technisch umsetzen? Wie lässt es sich finanzieren? Wie sieht es mit Datenverarbeitung und Datenschutz aus? Dabei haben wir mit einer Geschäftsmodell-Schablone gearbeitet und am Ende einen Finanzierungsplan erstellt. Das war ganz nahbar, wir konnten es uns richtig gut vorstellen. In einem anderen Kurs haben aus dieser Lehrveranstaltung heraus sogar drei Leute ein Startup gegründet.

Präsenz, online, hybrid

Die Lehrveranstaltungen finden in Heilbronn, Stuttgart oder online statt. Wie hat das für dich geklappt?

Wir waren öfter in Heilbronn als online. Ich habe dadurch ein bisschen die durch Corona verlorene Studienzeit nachgeholt. Präsenz hat mir super gefallen. Der Campus ist top ausgestattet, wir haben uns wohlgefühlt. Ich habe fast immer in der Jugendherberge übernachtet und dort tolle Leute kennengelernt. In den Zertifikatsprogrammen hatte ich manches online, aber ich war bei jedem Modul mindestens einmal vor Ort.

Bei Präsenzveranstaltungen kommt Fahrzeit hinzu. Wofür lohnt es sich, die zu investieren?

Das Pendeln stresst schon. Ich habe mir dann wirklich auch die Zeit rund um die Blockseminare genommen und noch etwas unternommen: war in der Kunsthalle oder habe mal ein Spielseminar in einem Verein in Heilbronn mitgemacht. Das waren coole Erfahrungen, auch um die Stadt kennenzulernen.

Und online – wann hat das gut gepasst?

Es war immer von Vorteil, wenn es kürzere Blöcke waren, also nur zwei Tage oder ein Tag, den wir online miteinander verbracht haben. Und dann ist eben wichtig, dass die Lehrveranstaltungen von den Dozierenden gut strukturiert sind, mit Räumen, um online miteinander zu arbeiten. Es gibt auch Tools, mit denen wir auf ein digitales Whiteboard geschrieben und gemeinsam etwas erarbeitet haben. Online konnten wir uns unabhängiger bewegen und waren nicht immer so gebunden an einen Ort. Natürlich verleitet es auch dazu, die Lehrveranstaltung nebenher laufen zu lassen – das ist ein Faktor, den wir immer berücksichtigen müssen.

Der Weg in den Master: über das Zertifikat

Wie bist du überhaupt zum Master Digitalisierung in der Sozialen Arbeit gekommen?

Ich habe schon meinen Bachelor in Sozialmanagement dual gemacht und fand dieses System für mich passend. Es hat einfach gut funktioniert, zusammen mit meinem beruflichen Leben. Und ich habe gleich was Praktisches mit dem Wissen gemacht.

Prof. Dr. Michael Batz war mein Studiengangsleiter damals an der DHBW Heidenheim und hat mich auf den Master aufmerksam gemacht. Ich war direkt angefixt und habe mich beraten lassen.

Der Knackpunkt war, dass mir dafür noch die Berufserfahrung gefehlt hat. Aber dann hat mir Herr Batz die Möglichkeit gezeigt, über das Zertifikatsprogramm einzusteigen. Das hat für mich wie die Faust aufs Auge gepasst, weil ich damit Module vorziehen und direkt starten konnte. Und es entzerrt das Masterstudium ein bisschen. Ich erlebe meine Kommilitoninnen und Kommilitonen, die sind schon sehr gestresst, die haben alles gebündelt auf zwei Jahre. Und ich nehme mir dreieinhalb Jahre dafür Zeit.

Was hat dir am Zertifikatsprogramm gefallen?

Ich war ja noch keine Studentin und habe mich eher wie in einer Fortbildung gefühlt. Klar, am Ende habe ich eine Klausur geschrieben oder einen Vortrag gehalten, aber es war ein spielerisches Herangehen an das Studium. Die Module haben gut zueinander gepasst: Alles hat ineinandergegriffen, und über die Zeit hat sich eine Routine aufgebaut. Auch der Austausch mit denen, die nur das Zertifikatsprogramm gemacht haben, war sehr interessant. Es ist auf jeden Fall sehr positiv, dass es diese Möglichkeit gibt.

Was den Studiengang ausmacht

Welche Inhalte haben dir einen Mehrwert geboten?

Digitalisierung zieht sich als roter Faden durch, und wir betrachten sie aus ganz verschiedenen Blickwinkeln. Da sind zum einen Grundlagen, also Gesellschaftstheorien und Theorien zur digitalen Gesellschaft: Wie haben wir uns verändert, seit es die ersten Computer, das Internet gibt? Das fand ich mega spannend, auch als philosophische Perspektive. Außerdem sind Chancen und Risiken der Digitalisierung in der Sozialen Arbeit ein ganz großes ethisches Feld.

Die BWL-Inhalte fand ich sehr bereichernd: dass wir die Transformation von Prozessen und Unternehmen immer anhand der Digitalisierung erfahren haben. Und komischerweise IT-Recht: Diese Vorlesung hat mir wahnsinnig viel gebracht, obwohl viele sie nicht leiden konnten. Es ist wichtig, zu verstehen, welche Risiken es gibt und worauf wir achten müssen, vor allem wenn wir mit Menschen arbeiten, die vulnerabel sind. Dazu IT-Infrastruktur, also Handwerkszeug: Software, Hardware, wie baue ich meine Server auf oder wie spreche ich mit ITlern in meinem Unternehmen?

Und dann natürlich Trends, ganz klar Künstliche Intelligenz. Wir haben viel darüber diskutiert, wie es damit weitergeht. Für Menschen, die im sozialen Bereich unterwegs sind und sich gerade damit beschäftigen, wäre der Master auf jeden Fall eine Überlegung wert.

Beruf: gesetzliche Betreuerin

Wie bringst du Studium und Beruf zusammen?

Ich habe schon im dualen Studium gearbeitet, und das funktioniert bis heute sehr gut. Ich bin zu 50 Prozent im Familienbetrieb angestellt und seit 2025 zusätzlich selbstständig als gesetzliche Betreuerin. Mein Workload liegt vielleicht bei 75 Prozent, und den Rest, die 25 Prozent, kann ich in mein Studium investieren.

Was macht du als gesetzliche Betreuerin?

Eine gesetzliche Betreuerin wird für Menschen bestellt, die aufgrund einer psychischen oder geistigen Beeinträchtigung nicht in der Lage sind, ihre eigenen Angelegenheiten zu regeln. Ich bin also eine Vertreterin und handele im Sinne und mit dem Willen des Betroffenen: Ich stelle zum Beispiel Anträge, organisiere eine neue Wohnung, kümmere mich um Verträge, aber auch die Pflege. Das bedeutet nicht, dass ich als Betreuerin selbst pflegen muss. Ich organisiere das Leben um den Betroffenen herum, damit der bestmöglich versorgt ist. Früher hieß das Vormundschaft, wie wir es heute noch aus dem Jugendrecht kennen. Seit einer Gesetzesreform heißt das bei Erwachsenen jetzt gesetzliche Betreuung, um die Rechte und die Selbstbestimmung der Betroffenen weiter zu stärken.

Austausch und Netzwerk

Hast du auch Leute kennengelernt?

Ja, total. In meinem Kurs gibt es einige Leute, mit denen ich mich mega gut unterhalten konnte und die mir tolle Perspektiven gegeben haben. Sie kommen aus ganz Deutschland, aus Hamburg, Berlin und Stuttgart. Diesen Austausch über Regionen hinweg finde ich toll.

Im letzten Jahr habe ich außerdem Module im Master Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft besucht. Wenn wir über Antisemitismus oder verschiedene Formen von Rassismus gesprochen haben, hat uns das tief bewegt und noch mal sehr verbunden, egal, aus welchem Studiengang wir kamen. Da habe ich ein paar sehr gute Bekanntschaften geschlossen.

Masterarbeit und Ziele

Worüber schreibst du deine Masterarbeit?

Über die Bearbeitungszeit von Anträgen im Sozial- und Gesundheitswesen, also Bürokratieforschung. Eine quantitative Studie dazu habe ich schon durchgeführt: Wie lange dauert in verschiedenen Bereichen eine Antragsbearbeitung? Bei meinen Klienten kommt immer der Frust: Warum dauert es so lange, bis ich mein Geld bekomme? Die Menschen haben gar keinen Einblick, wie das in einer Behörde funktioniert. Und für das Demokratieempfinden ist es nicht gut, wenn Behörden so eine große Blackbox sind. Da möchte ich forschen: Was sind die hemmenden und fördernden Faktoren?

Wo willst du hin?

Ich würde gerne das Büro meines Vaters weiterführen und übernehmen. Es ist wie ein Handwerksbetrieb ohne Handwerk, den dann der Sohn oder die Tochter übernimmt. Ich fühle mich dem gewachsen, weil ich schon sehr viel Erfahrung habe. Und es ist ein besonderer Beruf, der umso wichtiger wird in einer Gesellschaft, in der die Menschen älter werden und die Bürokratie mehr wird.

Meine Familie und meine Heimat sind mir sehr wichtig. Viele denken, auf dem Land ist alles behütet, nicht so wie in der Großstadt. Aber auch hier gibt es sozialen Abstieg und Menschen, denen es nicht gut geht. Deshalb ist mir wichtig, dass ich hier weiterarbeite.

Das Masterstudium erweitert meinen Horizont: Ich wohne in einer sehr ländlichen Gegend, aber ich komme raus, lerne neue Sachen, bekomme neue Perspektiven und nehme sie mit nach Hause. Auch im Hinblick auf lebenslanges Lernen war es einfach eine gute Wahl, dass ich das gemacht habe.

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