Der bockt doch nur? Wie Traumapädagogik den Blick verändert

Wer Traumata versteht, reagiert anders auf schwieriges Verhalten. Maren Büttner ist beim Ambulanten Dienst des Kreisjugendamtes Schorndorf tätig und erzählt, wie das Seminar „Traumapädagogik und Traumazentrierte Fachberatung“ ihre Arbeit mit Kindern und Jugendlichen verändert hat.

Wie gelingt es, traumatisierten Kindern und Jugendlichen einen sicheren Rahmen zu geben? Weil ihr die Antwort auf diese Frage wichtig war, hat sich Maren Büttner am Center for Advanced Studies weitergebildet und dabei viel für den Berufsalltag mitgenommen.

Worum geht es im Seminar?

Im Mittelpunkt stehen Traumata. Alle Teilnehmenden arbeiten im sozialen Bereich mit traumatisierten Menschen. Wir beschäftigen uns mit Fragen wie: Was ist ein Trauma aus wissenschaftlicher Sicht? Wo tritt es auf, wie äußert es sich, was bedeutet frühkindliches Trauma? Dazu kommen angrenzende Themen wie Täterschaft, Scham und Schuld. Und ganz praktisch: Wie erkenne ich Traumata im pädagogischen Alltag, und wie verhalte ich mich gegenüber Betroffenen? Erkennen, Haltung, Umgang – das ist das Wichtigste. Und natürlich Schutz: das Umfeld sichern und Betroffene möglichst vom Täter trennen.

Warum haben Sie sich für diese Weiterbildung entschieden?

Ich arbeite beim Jugendamt als Familienhelferin und Erziehungsbeistand – also mit Jugendlichen, die Unterstützung brauchen, und mit Familien, die selbst Hilfe anfragen. Dabei begegnen mir ständig bewusste und unbewusste Traumata. Sie prägen unsere Arbeit viel stärker, als man lange angenommen hat. Menschen mit Fluchterfahrung bringen zum Beispiel oft ein Trauma mit. Wer das in seiner Haltung nicht berücksichtigt, tut vielen Kindern und Jugendlichen Unrecht.

Was heißt das konkret – welche Haltung braucht es?

Wer Traumata besser versteht, reagiert auf Fehlverhalten nicht einfach mit Konsequenzen. Man erkennt: Die Person ist emotional gerade nicht in der aktuellen Situation, sondern im alten Trauma – und macht für sich das Bestmögliche daraus. Das ist eine ganz andere Haltung. Dann sagt man nicht mehr: „Der bockt doch nur.“ Sondern man sieht: Irgendetwas hat das ausgelöst, er ist in sein altes Trauma zurückkatapultiert und wiederholt die Schritte von damals. Dieses Bewusstsein verändert den Blick auf das Kind oder den Jugendlichen grundlegend. Unser erster Schritt ist dann, das Kind in eine sichere Umgebung zu bringen und vor weiteren Verletzungen zu schützen.

Was macht den Theorie-Praxis-Transfer in dieser Weiterbildung so besonders?

Alle Teilnehmenden arbeiten selbst in diesem Feld – wir stehen mitten in der Praxis. Wir bringen unsere Erfahrungen ein, erzählen und diskutieren. Neben dem Theorieteil gibt es immer wieder Gruppenarbeiten, in denen wir Themen aus unserem Arbeitsalltag erarbeiten. Weil Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen zusammenkommen, gewinnt man Einblicke in andere Arbeitsfelder und deren Situationen. Dieser Austausch und die neuen Kontakte sind sehr wertvoll. Man bekommt ein viel umfassenderes Bild, als wenn nur Kolleginnen und Kollegen aus dem eigenen Bereich dabei wären.

Werden auch Fälle aus dem Arbeitsalltag besprochen?

Ja, jede und jeder kann einen passenden Fall schildern und um Feedback bitten – etwa, wenn man selbst nicht weiterkommt. Dafür gibt es keine festen Zeiten, aber es ist jederzeit möglich. Das hilft enorm für die eigene Arbeit. Und man lernt die Praxis der anderen kennen und entdeckt Aspekte, die im eigenen Bereich gar nicht vorkommen. Wie viel man von sich einbringt, entscheidet jede und jeder selbst.

Die Hälfte der Weiterbildung liegt hinter Ihnen. Was war bisher Ihr wichtigstes Learning?

Zwei Dinge: Erstens die traumasensible Haltung, die mir einen neuen Blick auf unsere Klientinnen und Klienten gibt. Zweitens das Praxismodul Teilearbeit. Dabei benennt man gemeinsam mit den Klienten ihre inneren Anteile und arbeitet mit ihnen. Ein Beispiel: Oft will ein Anteil in uns etwas unbedingt tun, während ein anderer es verhindert. Das erinnert an das Modell des „inneren Teams“ – und kennt wohl jeder. Ziel ist, diese Stimmen sichtbar zu machen und miteinander ins Gespräch zu bringen: Was braucht die eine von der anderen, damit das Ziel erreichbar wird? Und was steckt hinter der Stimme, die bremst? Denn auch sie hat ihren Sinn – sie ist ja nicht umsonst da.

Mehr Informationen zum Seminar gibt es hier: Traumapädagogik und Traumazentrierte Fachberatung